Unwirkliche Zeichen
War es die Müdigkeit, die ihre Sinne täuschte oder war da auf einmal die Luft durchzogen von einem schweren harzigen Duft, dessen Quelle sie nicht ausmachen konnten. Doch dann, unerwartet, sahen sie im dichten Unterholz, einen Lichtschein aufblitzen, ein Widerschein von einem Widerschein. Es erschien ihnen wie ein Versprechen auf menschliche Gesellschaft, Brot und auch ein Nachtlager vielleicht. Voller Hoffnung quälten sich Simon und Jacob einen Weg weiter durch Dickicht und Gebüsch. Immer wieder verloren sie den Lichtschimmer aus den Augen, doch dann kehrte er von Mal zu Mal wieder und verstärkte sich. Sie mussten sich den schmalen Pfad regelrecht erkämpfen. Er führte durch ein, wie mit Absicht in den Weg gelegtes, mannshohes, dicht gepacktes Dornengestrüpp. Ihre Arme und Beine bluteten schon bald von zahllosen Kratzern. Es war eine fast übermenschliche Anstrengung für die erschöpften Jungen.

Doch schließlich war es geschafft und sie fanden auf einer winzigen Lichtung wieder, hoch eingekreist von riesigen Buchen, die still und schwarz wie unheimliche Soldaten Wache hielten. Eingeschüchtert dachten beide gleichzeitig an den düsteren Hunsrückdom in den Gevatter Postillon sie einst geführt hatte. Sie versuchten zu verstehen, was das zu bedeuten hatte. „Spielten ihnen die Augen einen Streich? Oder war das, was sie zu sehen meinten, wirklich da?“

Wahrheit oder Märchen?
Mitten auf der Lichtung, über ein schwach rotglühendes Kohlenfeuer gebeugt, kauerte eine Gestalt. Langsam hob sie den Kopf. Unter einem Busch schwarzer Haare, strahlten taghell ein paar Augen hervor. Das Wesen war ganz in Schwarz gekleidet. Doch auf den zweiten Blick erkannten die Brüder mit Schrecken, dass es kein schwarzer Stoff war, sondern nackte dunkle Haut, gefärbt in äschernem Dunkelgrau. Der magmarote Feuerschein erleuchtete blasse Lippen und zarte helle Züge eines Gesichts, das nicht von Asche berührt war. Verwirrt hielten die Jungen inne.

Am Feuer saß tatsächlich ein junges Mädchen, fast noch ein Kind, unwirklich schön und gleichzeitig gruselig wie eine Hexe. So ein Mädchen, hatten die Seesbacher noch nie gesehen. Sie bekamen große Angst. Schweißnass suchten die Abenteurer eilig den Rückzug ins dornige Unterholz. Doch sie hatten sich endgültig verirrt und fanden keinen freien Spalt, keinen Durchschlupf mehr. Da winkte ihnen die Erscheinung an der Glut freundlich zu. Halb rückwärts gezohen, halb vorwärts getrieben wandten sie sich letztlich wieder zur Mitte der Lichtung. Da stand die seltsame Fremde auf, nahm die beiden bei der Hand und bahnte sich mit ihnen den Weg durch einen nicht enden wollenden Korridor, einem schwarzen Tunnel aus verwobenem Unterholz. Simon und Jacob vergaßen Zeit und Raum bis endlich ein Ende des Durchgangs in Sicht kam.

Gekommen, um zu bleiben.
Es sollte einige Zeit dauern, bis die Jungen verstanden, dass sie in der Not „den rechten Ton“ getroffen hatten. Damit war ihnen ein Kunstwerk gelungen, was viel mit ihrem Heimatdorf Seesbach zu tun hat. Damals wohnte noch in fast jedem Seesbacher Haus ein Musikant. Aus alter Fahrenszeit waren die dunkelhaarigen Dörfler mit den hellen Augen das Musikmachen gewohnt. Als Zeichen des Vertrauens lud sie Lukus, der Wolfsmann, sogar zu einem Abendmahl ein und Mara, das Mädchen, setzte sich zu ihnen. Eine Unterhaltung war kaum möglich. Und doch gelang es Mara und den anderen Waldleuten den beiden Jungen klarzumachen, was ihr unvermutetes Erscheinen in der Siedlung für sie bedeuten würde. Die Jungen begriffen mit Schrecken, dass die Schwarzen sie nie mehr gehen lassen würden. Der Grund war jedoch nicht Zuneigung oder gar eine neue Freundschaft, sondern der überlebensnotwendige Schutz vor Fremden. Niemand sollte jemals etwas über ihren Platz im Wald erfahren. Den Jungen blieb nichts anderes übrig als verängstigt zuzustimmen. Fortan wurden sie gut versorgt. Waldfrüchte gab es und etwas getrocknetes Wildfleisch, dazu das gute Quellwasser aus dem Soon, wie es die beiden Jungen schon kannten. Aber hier, unter diesen geisterhaften Fremden mischte sich der Trank mit ihren Tränen. Immer wieder aufs Neue wunderten sie sich über die seltsamen Gewohnheiten ihrer Gastgeber. So zogen diese manchmal tief in die Erde hinein, durch schwarze Gänge in Löcher, wo es warm war und noch manch andere seltsame Gesellen wohnten; kleine und große, sprechende und schweigsame. Ihnen war auch nicht entgangen, dass sich der riesige Sax mit seinem ungeheuren polierten Lärchenast weiterhin hinter ihnen aufhielt und sie nicht aus den Augen lies. Doch Trost spendete den Brüdern bei all dem die tiefe Schönheit ihrer neuen Gefährtin, Mara geheißen. Noch durch einen Schleier aus Tränen verzauberte das Mädchen beide und sie waren hin- und hergerissen zwischen Heimweh, Furcht und Verzückung. All das Neue erschöpfte Simon und Jacob. So waren sie froh, wenn sie sich abends, in ihr aus feinem Birkenstroh gesponnenes Nest, zur Ruhe niederlegen konnten. Ihr neues Nachtlager stand nicht auf dem Boden, wie bei guten Christenmenschen üblich, sondern hing an einem sanft schwankenden Zweig in schwindelnder Höhe an einer kräftigen Eiche. Sie staunten, wie gut sie dort schlafen konnten.
Die Sage vom Seesbach | Teil 3

