Was danach kam: Simons Suche nach dem Vergessen
Es dauerte lange, bis Simon an etwas anderes denken konnte als an Mara. Doch eines Tages ging er einfach drauflos, mit dem Rücken zum Soonwald, an der Hoxmühle vorbei, am Hoxbach entlang, nach Langenthal und weiter, die Nahe entlang bis an den Rhein und dann den Rhein hinab gen Norden. Er folgte damit der Strecke, die jahrhundertelang die besten aller Stämme des Soonwaldes nehmen mussten, für viele Gulden bis in die fernen Niederlande. Auch Simon hatte vom „Holländerholz“ gehört und vielleicht wollte er einfach nur wissen, wofür die wertvollen Bäume den Soonwald verlassen mussten.

Unterwegs fronte er mal hier auf einem Treidelpfad, half mal dort bei der Weinernte, aber auch immer wieder als Forsthelfer und Wildspürer in den Revieren hinter dem Fluss. Damit kannte er sich aus. So soll er schließlich bis nach Amsterdam gekommen sein, wo ihn seine erstaunlichen Fähigkeiten im Umgang mit wilden Tieren von großem Nutzen wurden, so jedenfalls vermeldet es ein Brief, der viele Jahre später, nach Simons Tode, an die Seesbacher Rübenichs gelangt ist.
Nach Hause ist er nicht mehr gekommen, zu seiner Familie, dem Bruder Jacob und dem Dorf Seesbach mit dem rätselhaften mächtigen Felsen in der Dorfmitte, der aussieht, als habe ihn in der Urzeit ein Riese dorthin gerollt. Auch die hohen Wipfel des Soon haben ihn nie wiedergesehen. Und auch Mara blieb für immer versunken im tiefen Wald.

Jacobs seltsame Entscheidung
Jacob jedoch blieb sein Lebtag zu Hause. Durch unermüdlichen Fleiß und unter geschickter Verwaltung des aus der Goldplatte gewonnenen Geldes, konnte auch er gute Geschäfte machen. Er machte sich als gerechter Viehhändler einen Namen bei den Waldbauern des Soonwaldes. Doch ihn trieben auch andere Ziele an. Irgendwann nannte man ihn den Rodbauer. Immer, wenn in seiner Truhe genug Geld angesammelt war, ließ er anspannen und sprach bei einem adligen Grundherrn vor und handelte ihm ein Stück des „verbotenen“ Soons ab, der Wald, den seine Vorfahren nicht betreten durften, schon gar nicht mit ihrem Vieh. Sogleich danach rodete er das Gelände, baute dort Hafer an, oder sonst eine Frucht. Es schien ihm fast gleich.
Reich und geachtet ist er gestorben. Seine letzten Worte waren: „Geht mir nicht in den Soonwald“, denn er wusste um seine Geheimnisse und wollte sie schützen – bis in den Tod. So waren die beiden Brüder ihr Lebtag von guten Mächten begleitet. Sie achteten das Wild und der Erfolg blieb an ihrer Seite – doch die Liebe hat Simon nicht mehr finden können und auch Jacob blieb sein Leben lang allein.

Die „schwartzen“ im Wald: Köhler?
Das Leben der Germanen um die Zeitenwende, dem Übergang vom 1. Jahrhundert v. Chr. zum 1. Jahrhundert n. Chr., war Eisen nicht länger Luxusgut, sondern begehrter Werkstoff für Werkzeuge und Waffen. Überall im Lande entstanden Schmieden und Eisenhütten, die neben Erzen vor allem ständig enorme Mengen an Holzkohle brauchten. Für den Nachschub waren die Köhler zuständig. Sie lebten meist isoliert allein im Wald, im Rauch und Russ der qualmenden Meiler, die ständig überwacht werden mussten. Natürlich waren sie durch diese Drecksarbeit schmutzstarrend und buchstäblich am ganzen Körper „kohl“-rabenschwarz. Bei den Waldbauern in den Dörfern galten sie nicht nur als Sonderlinge, sondern nicht selten auch als würde- und charakterlos. Später wurde das harte Leben der Köhler in manchen Märchen unrealistisch beschönigt und romantisch verklärt– wie zum Beispiel in Wilhelm Hauffs „Das kalte Herz“. Bis weit ins 19. Jahrhundert lebten auch im Soonwald Köhler und bewachten ihre glühenden Meiler Tag und Nacht. Geeignete Bäume waren längst eine Rarität und der Wald fast verschwunden. Heute ist dieses alte Handwerk praktisch ausgestorben. Wenn man Glück hat oder einen geübten Blick, findet man jedoch noch Überreste der verlassenen Arbeitsstätten im Wald. So ging es Thomas Hauschild und mir, als uns eines Tages östlich der Alteburg im Hang eine kreisrunde ebenmäßig flache Stelle auffiel. Wir bückten uns, räumten Laub beiseite, kratzen mit einem Stock in der Erde und tatsächlich fanden wir fingernagelgroße schwarze Stücke: eindeutig Holzkohle. Unsere Neugier war geweckt und so suchten wir auch später nach den Stellen, an denen Eisenerze oberirdisch abgebaut wurden. Sie sind deutlich leichter zu finden, zum Beispiel bei Münchwald und der Gräfenbacher Hütte.


