Die Sage vom Seesbach | Teil 3

Was danach kam: Simons Suche nach dem Vergessen 
Es dauerte lange, bis Simon an etwas anderes denken konnte als an Mara. Doch eines Tages ging er einfach drauflos, mit dem Rücken zum Soonwald, an der Hoxmühle vorbei, am Hoxbach entlang, nach Langenthal und weiter, die Nahe entlang bis an den Rhein und dann den Rhein hinab gen Norden. Er folgte damit der Strecke den jahrhundertelang die besten aller Stämme des Soonwaldes nehmen mussten, für viele Gulden bis in die fernen Niederlande. Auch Simon hatte vom „Holländerholz“ gehört und vielleicht wollte er einfach nur wissen, wofür die wertvollen Bäume den Soonwald verlassen mussten. Unterwegs fronte er mal hier auf einem Treidelpfad, half mal dort bei der Weinernte, aber auch immer wieder als Forsthelfer und Wildspürer in den Revieren hinter dem Fluss. Damit kannte er sich aus. So soll er schließlich bis nach Amsterdam gekommen sein, wo ihn seine erstaunlichen Fähigkeiten im Umgang mit wilden Tieren von großem Nutzen wurden, so jedenfalls vermeldet es ein Brief, der viele Jahre später, nach Simons Tode, an die Seesbacher Rübenichs gelangt ist. Mit dabei war eine schwere Kiste mit silbernen Gulden, denn Simon Rübenich war sehr reich geworden. In der neuen Welt, den ostindischen Kolonien, soll er als Händler mit Fellen und anderen Dingen des Waldes sein Glück gemacht haben. Und selbst die rothaarigen riesigen Waldmenschen auf Java soll er getroffen und mit ihnen gelebt haben. Im Alter hat er sich einsam und allein in Amsterdam zur Ruhe gesetzt. Bis zu seinem Tode lebte er in einem herrlichen von ihm erbauten Haus „Bij de zwarte Frouw“, das man noch auf alten Stadtansichten als hochragenden baumartig geschichteten Bau an der Prinzengracht erkennen kann. 

Nach Hause ist er nicht mehr gekommen, zu seiner Familie, dem Bruder Jacob und dem Dorf Seesbach mit dem rätselhaften mächtigen Felsen in der Dorfmitte, der aussieht, als habe ihn in der Urzeit ein Riese dorthin gerollt. Auch die hohen Wipfel des Soon haben ihn nie wiedergesehen. Und auch Mara blieb für immer versunken im tiefen Wald.

Jacobs seltsame Entscheidung 
Jacob jedoch blieb sein Lebtag zu Hause. Durch unermüdlichen Fleiß und unter geschickter Verwaltung des aus der Goldplatte gewonnenen Geldes, konnte auch er gute Geschäfte machen. Er machte sich als gerechter Viehhändler einen Namen bei den Waldbauern des Soonwaldes. Doch ihn trieben auch andere Ziele an. Irgendwann nannten man ihn, den Rodbauer. Immer, wenn in seiner Truhe genug Geld angesammelt war, ließ er anspannen und sprach bei einem adligen Grundherrn vor und handelte ihm ein Stück des „verbotenen“ Soons ab, der Wald, den seine Vorfahren nicht betreten durften, schon gar nicht mit ihrem Vieh. Sogleich danach rodete er das Gelände, baute dort Hafer an, oder sonst eine Frucht. Es schien ihm fast gleich. 

Nur eines wollte der Rodbauer niemals dulden; die Viehtrift und die ganze Köhlerei. Seinen Knechten verbot er außerdem das Wild zu jagen. Der Wald war ihm heilig. Doch es war derselbe Wald, der durch sein Werk angenagt und verdrängt wurde, so wie ein alter Lumpen im Maul eines Hundes. Mit der Zeit wurde so die Seesbacher Gemarkung immer tiefer in den Wald getrieben und das Land um Seesbach vom Wald befreit. Zu verdanken haben die Seesbacher Jacob auch den Steinwieser Schlag, wo sich heute das schöne Waldfriede mit seinen gepflegten Wohnhäusern erhebt. Das Werk von Jacob Rübenich ist auch die weite Dehnung des freien Landes bis weit hinter Weitersborn. Reich und geachtet ist er gestorben. Seine letzten Worte waren: „Geht mir nicht in den Soonwald“, denn er wusste um seine Geheimnisse und wollte sie schützen – bis in den Tod.

So waren die beiden Brüder ihr Lebtag von guten Mächten begleitet. Sie achteten das Wild und der Erfolg blieb an ihrer Seite – doch die Liebe hat Simon nicht mehr finden können und auch Jacob blieb sein Leben lang allein.

Was vielleicht dahinter steckt
Seesbacher Bürgern wird noch heute vieles an der Sage: „Die Waldmenschen vom Soon“ vertraut vorkommen. Das fängt schon mit dem Nachnamen „Rübenich“ an, den es bis heute in Seesbach gibt, genauso wie den rätselhaften Fels in der Dorfmitte und die über tausend Jahre alte Semendiskapelle. Im Chor finden sich eindrucksvolle neugotische Fresken aus der Zeit des Neubaus des Kirchenschiffs um 1250. Auch die 

Ortsbeschreibungen zeugen von einer profunden Kenntnis der Verhältnisse im nahen Soonwald, wie die Beschreibung der typischen Waldwiesen, Forstwirtschaftswege und Burgruinen belegen. Bei all dem spürt man die Lebenserfahrung einer Chronistin, die ihr ganzes Leben in Seesbach verbracht hat. Hat sie selber noch die fliegenden Jungen erlebt oder haben ihr die alten Männer von ihren Ausflügen berichtet?  

Das Fünkchen Wahrheit
In jeder Sage blitzt ein Funken Wahrheit auf, der uns einen Weg zu verschüttetem Wissen weist. So ist es auch hier. Manches ist offensichtlich, andere Hintergründe der Geschichte muss man sorgfältig herausschälen wie den Samen aus der glänzend harten Schale der Buchecker. „Ihre Schilde sind tiefschwarz, ihre Leiber schwarz bemalt, finstere Nächte wählen sie zum Kampf“, so schildert der römische Geschichtsschreiber Tacitus, (* um 58; † um 120), einen germanischen Stamm, von dem er bei seinen Nachforschungen gehört haben will (Germania, Kapitel 43). Andere mittelalterliche Quellen sprechen von „schwartzen, die im waldt umberlauffen wie das wildt und leben thun vomb Feuer …“

Bei diesen Berichten aus dunkler Vorzeit kommen einem gleich mehrere Ideen in den Sinn, was der verborgene Hintergrund dazu ist. Es scheint nicht unwahrscheinlich, dass sich in den Tiefen der deutschen Waldgebiete über eine lange Zeit Gruppen zurückgezogen haben, die in der Gesellschaft des Christentums und der Städte keinen Platz hatten.

Der Hass auf die Franzosen 
Die Sage: „Die Waldmenschen vom Soon“ beginnt gleich mit einer Erinnerung, die tief im kollektiven Gedächtnis der Menschen dieser Landschaft unvergessen schlummert: die Verwüstungen durch die Franzosen. Damit ist wahrscheinlich Ludwig XIV und der Pfälzische Erbfolgekrieg von 1688 bis 1697 gemeint, bei dem der Sonnenkönig die Kurpfalz gründlich in Schutt und Asche legte. Sein Befehl lautete: „Brûlez le Palatinat“, „Verbrennt die Pfalz“.  Die Lebensgrundlagen der Bevölkerung riesiger Landstriche wurde vernichtet. Das ist nicht vergessen und es war der Beginn einer jahrhundertewährenden Feindschaft, der „deutsch-französische Erbfeindschaft“. Der Soonwald gehörte im 17. Jahrhundert zwar nicht direkt zur historischen Region Kurpfalz, aber er war ein 

„Königlicher Forst“, ein Reichsforst. Die Hoheit lag zu einem großen Teil bei den Grafen von Sponheim, aber in einigen Gebieten, wie im Amt Stromberg, auch der Kurpfalz. Eine Verbindung des Soonwaldes zur Kurpfalz besteht außerdem in der populären Figur des

„Jägers aus Kurpfalz“. Meist wird dieser wilde Jäger 

mit dem Förster Friedrich Wilhelm Utsch in Verbindung gebracht, der im 18. Jahrhundert im Auftrag des Mainzer Kurfürsten als kurpfälzischer Förster im Soonwald tätig war.

Bis heute unvergessen: die Schwarzen vom Soon
Von den Schwarzen im Soonwald hat man nie wieder etwas gehört. Es sei denn man versteht den Eifer des Jägers aus Kurpfalz in diese Richtung, der vom Forsthaus Entenpfuhl am Soonwaldrand immer wieder gegen das „gemeine volck im walde“ raste, das dort dem Grundherrn Wild abzieht und heimlich köhlert. Auch in den Akten des Prozesses gegen den berühmten Räuberhauptmann Schinderhannes findet man eine Notiz über rätselhafte Mitläufer des faszinierenden Mannes, der die napoleonischen Truppen verschreckte und bis nach Mainz und Saarbrücken hin den reichen Kaufleuten Schutzpässe verkauft hat mit seinem Zeichen: drei Kreuze und dem Spruch „Durch den Wald“. Aus der Tiefe im Wald, so heißt es, haben ihm einige seltsam nackte Köhler und „gantz schwartz angezogene Leut“ als Führer gedient und manchmal soll er mit ihnen bis nach Seesbach gezogen sein, wo in jedem Haus ein Musikant wohnte, damit die unbeholfenen Waldleute dort tanzen konnten; die ganze Nacht.

Die „schwartzen“ im Wald: Köhler?
Das Leben der Germanen um die Zeitenwende, dem Übergang vom 1. Jahrhundert v. Chr. zum 1. Jahrhundert n. Chr., war Eisen nicht länger Luxusgut, sondern begehrter Werkstoff für Werkzeuge und Waffen. Überall im Lande entstanden Schmieden und Eisenhütten, die neben Erzen vor allem ständig enorme Mengen an Holzkohle brauchten. Für den Nachschub waren die Köhler zuständig. Sie lebten meist isoliert allein im Wald, im Rauch und Russ der qualmenden Meiler, die ständig überwacht werden mussten. Natürlich waren sie durch diese Drecksarbeit schmutzstarrend und buchstäblich am ganzen Körper „kohl“-rabenschwarz. Bei den Waldbauern in den Dörfern galten sie nicht nur als Sonderlinge, sondern nicht selten auch als würde- und charakterlos. Später wurde das harte Leben der Köhler in manchen Märchen unrealistisch beschönigt und romantisch verklärt– wie zum Beispiel in Wilhelm Hauffs „Das kalte Herz“. Bis weit ins 19. Jahrhundert lebten auch im Soonwald Köhler und bewachten ihre glühenden Meiler Tag und Nacht. Geeignete Bäume waren längst eine Rarität und der Wald fast verschwunden. Heute ist dieses alte Handwerk praktisch ausgestorben. Wenn man Glück hat oder einen geübten Blick, findet man jedoch noch Überreste der verlassenen Arbeitsstätten im Wald. So ging es Thomas Hauschild und mir, als uns eines Tages östlich der Alteburg im Hang eine kreisrunde ebenmäßig flache Stelle auffiel. Wir bückten uns, räumten Laub beiseite, kratzen mit einem Stock in der Erde und tatsächlich fanden wir fingernagelgroße schwarze Stücke: eindeutig Holzkohle. Unsere Neugier war geweckt und so suchten wir auch später nach den Stellen, an denen Eisenerze oberirdisch abgebaut wurden. Sie sind deutlich leichter zu finden, zum Beispiel bei Münchwald und der Gräfenbacher Hütte.

Schwarze Symbolik
Schwarz war immer schon die Farbe der Tarnung und Einschüchterung. Auch das unheimliche „Geisterheer“ wird als dunkler Schrecken beschrieben und Schwarz war das Zeichen des Todes; der Todesgottheiten. So liegt es nahe, dass die Germanen ihre Körper und Rüstungen aschfahl färbten, um in mondlosen Nächten versuchten Angst und Schrecken zu verbreiten. Als Erkennungszeichen dienten außerdem duetliche Zeichen auf Waffen und Schildern, zum Beispiel drei ineinander verschlungene Kreuze. Sie stehen für die 

Zyklen des Lebens, mit Geburt, Leben und Tod. Außerdem repräsentierten sie in der keltischen und nordischen Kultur die Kraft der Elemente: Erde, Luft und Wasser. So sollen sie die Götter ehren, den Träger schützen und ihm Tapferkeit schenken.

Datenspeicher der Evolution
Es ist unstrittig, dass unsere Vorfahren auf Bäumen lebten. Auch noch lange, nachdem sich im Zuge der Evolution der aufrechte Gang durchgesetzt hatte, blieben die ersten Menschen den Bäumen eng verbunden und nutzen sie als Schlafstätte. Es sind versunkene Erinnerungen, vertraute Gerüche, heimelige Geräusche und bekannte Blicke, die uns in der Nähe von Bäumen entspannen. Könnte das der tieferliegende Grund dafür sein, warum Simon und Jacob, trotz ihrer wahrlich beängstigenden Erfahrungen, in ihrem Baumbett so gut schlafen und träumen konnten?

Gemeinschaft aller Geschöpfe
Auffällig an dieser Sage ist die Schilderung des Umgangs mit den Wildtieren bei der Jagd. Die Geschichte vermittelt ein anrührendes Beispiel für die alte Sehnsucht nach einem großen Miteinander aller Lebewesen, einer Gemeinschaft, in der der Mensch sich nicht als Krone der Schöpfung sieht, sondern als gleichberechtigter Partner in einer großen Gemeinschaft aller natürlichen Wesen. Es scheint märchenhaft und beinahe lustig, wie Waldmenschen und Wildtiere miteinander umgehen. Von allen Geschöpfen ist das Tier dem Menschen am nächsten. Ist da der Wunsch nach Freundschaft mit den Tieren zu spüren? Vielleicht weil wir ein schlechtes Gewissen haben? In schamanischen Vorstellungen sind Tiere oft Botschafter, eine Brücke zwischen Verwandten. Menschen haben Fähigkeiten, die Tiere nicht haben. Aber ist es nicht auch umgekehrt so? Tiere sind nicht einfach defizitäre Wesen, sie können etwas, was wir verlernt haben: sie leben nicht auf Kosten des Planeten.

Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg mit Enkelin (hier Abb. 6, hist. Foto, Quelle: unbekannt)

Nachgedanke
Sollte dem geneigten Leser noch etwas einfallen, was es vielleicht mit den „Schwarzen vom Soon“ noch so auf sich hat, so freue ich mich über eine Nachricht: 

mokirschner@t-online.de

Prof. Dr. Thomas Hauschild und Monika Kirschner

Der Mercedes-Knight 16/65 von vor dem Kurhaus von Kreuznach, heute Bad Kreuznach, Aufnahme von H. Schütrumpf, Kreuznach