Die Sage vom Seesbach | Teil 2

Gemeinschaft von Waldmenschen und Wildtieren
Viele Monde und noch viel mehr Wochen blieben die Brüder bei den Waldmenschen. Sie lernten schnell, was man dort können musste. Das war nicht nur die grobe, laut gellende Sprache, sondern auch das Fällen der Bäume für Feuerholz und Hausbau, das Köhlern, damit im Winter niemals die Flamme ausging, das Sammeln von Waldfrüchten und vor allem die Jagd. Freilich war das bei den Waldleuten eine merkwürdige Sache, denn sie verfolgten das Wild zwar auch und suchten nach seinen Spuren wie die Seesbacher Grünröcke. Kamen sie ihm aber nahe, begannen die Waldleute nicht zu schießen und zu spießen wie die Jäger, die sie kannten, sondern sie lockten die Tiere auf ganz eigentümliche Weise mit einem Gesang. Dazu malten sie ein Bild des Wildes in die Laubdecke oder in die Nadeldecke unter den Bäumen und bestäubten die Linien so dick mit weißem Kalkstaub, dass es sich recht unheimlich vom dunklen Grund abhob. Dann geschah das Unglaubliche: ein großes altes Tier trat zu den Menschen und ließ sich willig abführen und schlachten. Auch die Wildschweine zeigten sich als freundliche Gesellen. Sie umschlichen mit Grunzen die Lichtung der Waldleute und nahmen ihnen die Jagd nicht übel. Manchmal ließen sie sich sogar mit einem zusammengezapften einfachen Holzhalfter an der Hand führen, um hinter sich frisch hergestellte Holzkohle aus dem Meiler abzutransportieren. Selbst die Wölfe im Wald schienen im Bündnis mit den Waldleuten zu stehen. Als es einmal im Winter sehr kalt wurde, kamen sie und schleppten mit langem Heulen den Waldleuten ein frisch gerissenes Reh auf die Lichtung, um sich sogleich im Takt des uralten Gesangs der Menschen wieder aus dem Staub zu machen.

Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg mit Enkelin (hier Abb. 6, hist. Foto, Quelle: unbekannt)

Aus Buben werden Männer
Mehrere Jahre vergingen und die Brüder waren zu sehnigen, kraftvollen Waldmenschen herangewachsen. Ihre Seesbacher Kleider waren längst verschlissen und nun trugen auch sie die Ledermanschetten und die schwarze Schutzfarbe der Waldleute. Zwischen Simon und der schönen Mara, davon wussten alle im Lager, hatte sich etwas Zartes angesponnen. Stolz und siegessicher freute sich der rauhe Sax: „Ja, die Weißen von unten im Tal, die werden nun ganz sicher bei uns bleiben – für immer.“ Auch Jacob, der Jüngere, hatte sich eingelebt. Kühn schwang er sich mit den anderen Waldburschen über die Lichtungen. Doch manchmal, wenn die Brüder nachts in ihrem Korb auf der großen Eiche lagen und der Baum heftig vom starken, warmen Wind aus Süden, von der Nahe und vom Pfälzerwald her durchgeschüttelt wurde, konnten die Brüder von Ferne ganz schwach das Glöckchen der Willigiskapelle hören; die Stimme von Sankt Semendis. Dann zogen sich ihre zähen Leiber unter ihrer zweiten Aschenhaut schaudernd zusammen. Vertraute Gesichter erschienen ihnen in ihren Träumen; die milden weichen Züge der Mutter, der Vater mit sorgenvollem Ausdruck, der ratlose Pat in Tiefenbach und mit strengen, scharfem Tadel Bruder Medard von der Dorfkirche. Nach einer solchen Nacht war es, dass Simon dem Lukus erklärte, es sei nun an der Zeit, dass er und sein Bruder nach Hause zurückkehren müssten. Sie würden niemanden im Dorf etwas verraten und nie würde jemand bei ihnen erscheinen, um sie zu belästigen. Das versprach Simon. Er wandte dabei alle seine Überredungskünste an. Die Wörter flossen ihm aus dem Mund wie die Flusskiesel im Wasserstrudel. Nach all der Zeit sprach er mit der derben Sprache der Wäldler so locker, wie früher in seiner fast vergessenen heimischen Mundart. Nach und nach ließen sich zuerst Lukus, dann aber auch die anderen und schließlich selbst der grimmige Sax erweichen. Die schöne Mara wollte Simon natürlich mitnehmen. Doch das war ausgeschlossen. Mara gehörte zu den Schwarzen und nicht in die fremde Welt da draußen. Doch die Liebe war stärker. Simon und Mara erreichten nach langen Mühen eine Einigung. Die junge Frau sollte noch die große Taufe der Simindina erleben, das Fest, das ein Mädchen zur Waldfrau macht. Erst wenn der Tau der Bachgöttin auf ihrer Haut geglänzt hatte, würden sie Mara hinter Simon herschicken. Am Tage nach der Sommersonnenwende würde sie nach Seesbach kommen, mit einer Mitgift von Kohle und Holz auf einer von Wildschweinen gezogenen Rutsche und mit Gold, das man im Guldenbach und in den Brüchen des Soons gefunden hatte. Dann erst dürfte Simon Mara heiraten. So sagten sie. Es solle eine Hochzeit sein nach dem Gesetz des Gottes, der an einen Baum gebunden und zu Tode gefoltert worden war, Christus geheißen.

Der Mercedes-Knight 16/65 von vor dem Kurhaus von Kreuznach, heute Bad Kreuznach, Aufnahme von H. Schütrumpf, Kreuznach

Der Weg zurück
Proviant bekamen sie mit und zum Abschied schenkte Lukus den Brüdern eine herrlich geschwungene Platte aus reinem Gold in der Größe einer Handfläche. Sie zeigte den Kopf eines Ebers, seltsam verwoben mit einer Darstellung des freien, frohen Gesichts der Köhlerleute. Auf der Rückseite der Platte sah man das Zeichen, mit dem die Waldleute alle ihre Waffen und Schilde schmückten, drei ineinander verschlungene Kreuze. Selbst der rauhe Sax zerdrückte eine Träne im Auge. Dann begleiteten sie Mara und die anderen durch seltsame Korridore im Unterholz, manchmal so dunkel, dass sie meinten, unter der Erde zu gehen. Schließlich erschien im Licht der Fackeln ein weißer Stein. In den Ritzen zwischen dem Stein und dem dicht ihn umgebenden Gebüsch leuchtete die helle Sonne wie eine Verheißung. Als die Brüder mit all ihrer neu gewonnenen Manneskraft den Stein beiseitegeschoben hatten, fanden sie sich in einem Gewirr von efeubewachsenen Wällen und Steinen wieder. Schon bald erkannten sie die heimische Alteburg – gar nicht weit von Seesbach entfernt. Unter Tränen nahmen sie Abschied von ihren vertrauten schwarzen Begleitern, die so schnell im Unterholz verschwanden, als wären sie nie da gewesen. Jetzt brauchten Simon und Jacob nur noch den Weg ins Tal anzutreten, zurück nach Seesbach.

Die unter Denkmalschutz stehende "Hindenburg-Remise" 2026

Wieder zu Hause
Der Rest ist schnell erzählt: das Staunen, die riesige Freude der Eltern, der ebenfalls inzwischen herangewachsenen Altersgenossen, aller Seesbacher beim Anblick der Totgeglaubten in ihrem seltsamen Kostüm, all das versteht sich von selbst. Dann begannen Simon und Jacob zu erzählen, von einer fernen Welt. Mancher hielt es für geflunkert und einige meinten, dass hinter all dem vielleicht der Franzose steckte, der schon wieder seine Truppen ins Land entsandt habe. Aber nach und nach konnten sie sich verständlich machen und erklärten, wie gut sie aufgenommen worden waren von den Waldleuten und wie schön Mara sei und dass sie nachkommen würde, am Tag nach der Sommersonnenwende, wenn die Feuer noch schwelten, efeubekränzt, braun und rot und sehnig, zur christlichen Taufe und zur Hochzeit in der Semendiskapelle. Da meinten die Spötter, dass die beiden Jungen sich wohl irgendwo Richtung Bad Kreuznach zu einer Horde von Säufern und Köhlern verirrt haben mochten. Solche Wegelagerer waren  manchmal im Wald aufgespürt worden, dem Branntewein und einem zweifelhaften Mädchen verfallen. Die Eltern aber nahmen die Reden und Versprechungen ihrer Kinder ernst, zumal das goldene Unterpfand vom Viehhändler, vom Lehrer und vom Pfarrer untersucht und für echtes Gold erkannt worden war. Die Rübenichs waren nun auf einmal sehr reiche Leute. Und so wurde für die große Hochzeit im Sommer gerüstet. 

(Abb. 7, "Waldheim Max Wenzel" Quelle: Archiv Johanna Lempert, Bad Kreuznach)

Ein gebrochenes Versprechen
Am vorhergesagten Tag nach der Sommersonnenwende war alles bereit und das ganze Dorf in freudiger Erwartung der schönen Mara. Simon, Jacob, die Eltern, Bruder Medard und viele Neugierige warteten Stunde um Stunde, aber vergeblich. Stattdessen kam vom Soonwald her an diesem Tage ein schweres Unwetter mit schwarzen Wolken, Donner und Blitz und einem Sturzregen, wie es die Seesbacher nur selten erlebt hatten. Allein Simon gab die Hoffnung nicht auf. Noch wochenlang stand er Tag für Tag im Hochzeitergewand an der Strut, zum Wald hin, und wartete auf sein Mädchen. Danach begann er, manchmal in Begleitung von Jacob, den Wald zu durchstreifen auf der Suche nach dem Weg zu den Schwarzen. Aber sie fanden den Zugang zur Lichtung nicht mehr. Der Eingang in der Nähe der Wildburg war zum Einsturz gebracht worden; wohl von schwarzer Hand. Simons Herz war für immer gebrochen. 

Die Sage vom Seesbach | Teil 3