Ihre Schilde sind tiefschwarz, ihre Leiber schwarz bemalt, finstere Nächte wählen sie zum Kampf
Tacitus * um 58; † um 120
römischer Geschichtsschreiber
Germania, Kapitel 43
TEIL 1
Die Waldmenschen vom Soon
Eine Sage, aufgezeichnet und nacherzählt im Sommer 1996 nach Gesprächen mit einer betagten Seesbacherin.
Frei in die Lüfte
Es war vor vielen, vielen Generationen, nicht lang nach der Zeit, in welcher der Franzosenkönig die Pfalz verwüstet hatte. Damals lebten in Seesbach, im Haus am großen Felsen, die Brüder Simon und Jacob Rübenich mit ihren Eltern.

Wenn die Burschen dann irgendwann mitten im Wald an eine Lichtung kamen, dann rutschten sie den Stamm hinab und ruhten sich auf einer Waldwiese aus. Für den Rückweg kannten sie die beste Strecke, mit stattlichen Bäumen, deren Äste biegsam und kräftig genug waren, um die jungen Männer sicher nach Hause zu bringen. Die Mutter schimpfte, denn natürlich kam dabei mancher Riss in Hose und Hemd, aber für die Brüder war das Bäumeschwingen das Höchste. Niemand konnte ihnen dabei folgen, da waren sie sich sicher.

Aufbruch in den Wald
Besonders im Frühjahr, wenn das erste Grün durch die Zweige schimmert, zog es Simon und Jacob in den Soonwald. Einmal verabredeten sie sich, so lange durch die unermesslich vor ihnen schwingenden Gipfel zu springen, bis sie das Dorf Tiefenbach erreichen würden. Dort lebte Simons Pat mit der Got, die Taufpaten der Brüder. Dort gab es auch einen Heuschober zum Übernachten und dort konnte man sich bei den reichen Bauern einen Groschen abholen und dann den Weg zurück nach Hause antreten. Gesagt getan, das Jammern der Mutter hatte keinen Zweck und der Vater, der selbst mal ein großer Baumspringer gewesen war, hatte sie augenzwinkernd zu ihrem Ausflug ermuntert. So machten sich die Jungen über den nächstbesten Baum auf ihren gewagten Streifzug, halb durch die Lüfte, halb durch das kratzende Gezweig, umgeben vom Rätschen des Eichelhähers, aufgescheuchten Krähen und anderen Baumvögeln, mal einen Blick auf den ergrünten Waldboden erhaschend, mal vollkommen eingehüllt in das frische Blattwerk oder in duftende Nadeln. Angst war ihnen fremd. Immer weiter und höher schwangen sie sich in den dichter werdenden Wald. Den alten Heuweg überquerten sie an einer günstigen Stelle, an der die Bäume besonders biegsam, jung und doch hochgewachsen waren. Sie schafften das, ohne dass ihre Füße den Boden berührt hätten. Ihr Weg führte sie geradewegs in den „Verbotenen Soon“. Davon hatten ihnen die Eltern oft erzählt. Hier herrschte allein das Recht des adligen Landesherrn. Die Bauern aus den Dörfern waren dagegen wehrlos. Sie durften weder jagen noch Bäume fällen oder ihre Ziegen und Schweine in den Wald treiben. Selbst das Holz sammeln war ihnen bei Strafe verboten. Die Adeligen wollten ungestört der Jagd nachgehen. Da war alles störend, was Wild aufscheuchen könnte. Das wussten auch die jungen Abenteurer. So lauschten sie etwas bang, ob sie in der Ferne ein Jagdhorn ahnen konnten, Pferdegetrappel hören oder ob sie einen bewaffneten Waldwächter erblickten. Doch nichts war zu hören und zu sehen. Erleichtert erreichten sie ihre erste Station, die Trifthütte, eine Schenke, weithin bekannt für ihren zweifelhaftem Ruf.
Sie sprangen vom Baum hinab und begrüßten den dunklen Gesellen. Der fragte nach dem „Woher und Wohin“ und erkundigte sich nach seiner Muhme und nach seinem Pat, der schon lange krank lag in Seesbach. Dann ließ der Köhler die erschöpften Jungen rasten. Pitter sollte später der letzte gewesen sein, der die beiden Jungen gesehen hatte, bevor sie im Dickicht des Waldes verschwanden – für sehr lange Zeit.

Unterwegs auf fremden Wipfeln
Mit jugendlicher Kraft schwangen sich die Brüder nun weiter nordwärts hoch bis zur unheimlichen Alteburg, deren einstige mächtige Mauern kaum noch zu ahnen waren. Durch die Jahrhunderte abgeschliffen, ähnelte sie inzwischen mehr einem Steinhaufen als einer gewaltigen Burganlage. In jüngster Zeit haben sich auch die Dörfler hier oben mit Steinen bedient, wenn sie sich ein Haus oder einen Stall bauen wollten.

Die Alteburg war einmal, so heißt es, eine Wallanlage, die in uralten Zeiten einem unchristlichen Ritter gehört haben soll. Viel später, in der Zeit des Franzosensturms, diente die Ruine den Bauern von Seesbach als Schutzstand in großer Not. Ein Grausen kam die Brüder an, so fremd erschien ihnen auf einmal der heimatliche Wald. Höher und immer höher wurden die Bäume und es war manchmal schwer, ihre alten Kronen noch in Schwung zu bringen. Der luftige Weg führte weiter den Berg hinan, der die Nahe vom den Hunsrückhöhen trennt. Wenn sie innehielten und zurück gen Süden schauten, dann sahen sie weit über das heimatliche Land, das in der Sonne weiß, wie ein Zuckerstück glänzte. Durch das dichte Grün der Baumdächer entdeckten sie in erheblicher
Ferne den Turm ihrer Dorfkapelle, der Willigis-Kapelle.

Dort waren sie noch vor ein paar Wochen zur heiligen Firmung geführt worden. Doch nun gab es kein Zurück mehr. Unter ihnen erschien endlich der Landrichtweg, ein breiter Forstweg, von dem sie auch schon einmal gehört hatten. Den konnten sie jedoch nicht mehr auf die gewohnte Weise überqueren. Die Fichten rechts und links waren zu hoch und zu starr in ihren Kronen. So wanderten die beiden ein ganzes Stück zu Fuß weiter. Langsam kamen ihnen leise Zweifel, ob alles richtig war, was sie da machten. Doch sie verscheuchten solche Gedanken. Sie erschienen ihnen inzwischen vollkommen sinnlos. So zogen sie wacker weiter, vom Schwarzenbruch zum Wolfsborn und von dort in Richtung auf die Wildburg zu. Wie froh waren sie, als sie, bedeckt von dichtem Farn ein sauberes Bächlein entdeckten. Sie zogen Schuh und Strümpfe aus und tauchten ihre Füße ins wirbelnde Wasser. Hier konnten sie sich erfrischen und ihr Wasserfläschchen auffüllen.

Darüber vergaßen sie ganz die Zeit. Und es kam, was kommen musste. Die Sonne warf immer längere Schatten. Tief im Bachtal verloren sie vollends ihre Orientierung. In dieser Situation versuchte Simon, der ältere der beiden, sich einen Überblick zu verschaffen. Er kletterte auf eine riesige Jahrhunderteiche, um nach der untergehenden Sonne zu schauen. Hoch hinauf zog sich Simon am rissigen durchfurchten Stamm.

Oben angekommen sah er im Westen die Sonne glutrot über dem fernen Rand des Lützelsoon stehen, doch vom Dorfe Tiefenbach konnte er nichts erkennen. „Wo lag Tiefenbach? Sicher nicht im Westen, wohl mehr im Norden“, dachte sich der Junge. Dort wartete der Pate auf sie, vorgewarnt vom Gevatter Postillon aus Gemünden, einem Freund der Rübenichs. „Was würde nur sein, wenn sie sich im nachtschwarzen Wald verirrten, was sollten der Pat sagen und die Got, die schon die Milchsuppe für sie bereitet hatten?“ Hunger hatten die beiden, den ganzen Tag hatten sie nichts gegessen außer einigen Kanten Brot, die die Mutter ihnen fürsorglich mitgegeben hatte, und nichts getrunken außer einigen Schluck Wasser. Das Wasserfläschchen baumelte schon leer an Jacobs Leibstrick.

Unwirkliche Zeichen
War es die Müdigkeit, die ihre Sinne täuschte oder war da auf einmal die Luft durchzogen von einem schweren harzigen Duft, dessen Quelle sie nicht ausmachen konnten. Doch dann, unerwartet, sahen sie im dichten Unterholz, einen Lichtschein aufblitzen, ein Widerschein von einem Widerschein. Es erschien ihnen wie ein Versprechen auf menschliche Gesellschaft, Brot und auch ein Nachtlager vielleicht. Voller Hoffnung quälten sich Simon und Jacob einen Weg weiter durch Dickicht und Gebüsch.
Wahrheit oder Märchen?
Mitten auf der Lichtung, über ein schwach rotglühendes Kohlenfeuer gebeugt, kauerte eine Gestalt.

Langsam hob sie den Kopf. Unter einem Busch schwarzer Haare, strahlten taghell ein paar Augen hervor. Das Wesen war ganz in Schwarz gekleidet. Doch auf den zweiten Blick erkannten die Brüder mit Schrecken, dass es kein schwarzer Stoff war, sondern nackte dunkle Haut, gefärbt in äschernem Dunkelgrau. Der magmarote Feuerschein erleuchtete blasse Lippen und zarte helle Züge eines Gesichts, das nicht von Asche berührt war. Verwirrt hielten die Jungen inne. Am Feuer saß tatsächlich ein junges Mädchen, fast noch ein Kind, unwirklich schön und gleichzeitig gruselig wie eine Hexe. So ein Mädchen, hatten die Seesbacher noch nie gesehen. Sie bekamen große Angst. Schweißnass suchten die Abenteurer eilig den Rückzug ins dornige Unterholz. Doch sie hatten sich endgültig verirrt und fanden keinen freien Spalt, keinen Durchschlupf mehr. Da winkte ihnen die Erscheinung an der Glut freundlich zu. Halb rückwärts gezogen, halb vorwärts getrieben wandten sie sich letztlich wieder zur Mitte der Lichtung. Da stand die seltsame Fremde auf, nahm die beiden bei der Hand und bahnte sich mit ihnen den Weg durch einen nicht enden wollenden Korridor, einem schwarzen Tunnel aus verwobenem Unterholz. Simon und Jacob vergaßen Zeit und Raum bis endlich ein Ende des Durchgangs in Sicht kam.

Die Seesbacher Jungen staunen nicht schlecht, als sie auf eine weit größere, aber diesmal von riesigen Eichen gesäumten Lichtung hinaustraten. In ihrer Mitte glühten gleich drei, vier große Köhlerplätze. Es war ein verstörender Anblick. Mehrere Feuer brannten nicht nur auf dem Boden, sondern auch in den Bäumen leuchtete es. Überall zeigte sich ein schwacher Widerschein von brennendem Holz und die Luft erfüllt vom heimeligen warmen Holzfeuergeruch. Bei genauerem Hinsehen war kein Zweifel möglich. Hier, weit entfernt von jeder Siedlung, jedem Dorf, wohnten Menschen in Bäumen. Sie hatten sich auf uralten Eichen ihre Wohnungen eingerichtet. Solche starken Eichen kannten die Seesbacher Jungen nur von den Gräbern, die man im Soon überall sieht, wo die Riesen aus ferner Zeit bestattet sind, wie es die Muhme erzählt hat. Das Grab in der Strut fiel ihnen ein, oder das am Schweinsheck beim Schwarzerdener Wald oder das größte und unheimlichste am Götzensteiner Rech, wo sie der Vater einmal mitgenommen hatte, als sie für den Gemündener Onkel Holz schlagen mussten. Doch hier war es nicht nur eine Eiche, sondern es gab viele solcher gewaltigen Baumriesen. In manchen von ihnen schien eine ganze Familie zu wohnen. Die beiden Jungen lernten bald auch das Baumhaus des riesenhaften Sax kennen, zu dem sie zitternd hingeschoben wurden, damit er sie nach Waffen untersuchen konnte. Auch sahen sie die Bleibe des bleichen, langbärtigen Lukus, der ein Gewand aus Wolfsfell trug. Er hatte es so über seinen ganzen Körper gezogen, dass Maul und Augenhöhlen des Tieres unheimlich über seinen kahlen Kopf hinausragten. Und es gab noch mehr zu staunen für die Dorfjungen. Männer wie Frauen trugen eine Art breiter Lederriemen um die bloßen Hüften. Den Rest des Leibes hatten sie mit Kohleresten und Asche beschmiert. Nur die Gesichter der Waldmenschen glänzten hell und schaurig schön. Die Brüder sahen auch kleine Kinder, die geschickt in die höchsten Wipfel kletterten. Die Alten jedoch ruhten am Rande der Lichtung, am Rumpfe eines Baumes. Sie lagen in Hütten aus Dornengestrüpp zum Schutz gegen wilde Tiere. Mit einem Mal reckten die Alten drohend Knüppel und handgerecht zugeschliffene Steine gegen die Fremden und riefen unverständliche Worte. Daraufhin schloss sich der Kreis der Schwarzen um die beiden Buben und wurde bedrohlich immer dicht und dichter. Nur das Köhlermädchen verharrte weiter im flackernden Schein des Feuers. In höchster Not kam den Seesbacher Buben ein rettender Gedanke: „Musik, wir brauchen Musik.“ Simon holte seine Holunderpfeife, die er stets bei sich trug, hervor und begann ein altes Köhlerlied zu spielen. Jacob griff nach einem trockenen Stück Holz und einem Stock und begleitete seinen Bruder mit kräftigen Schlägen. Wie aus einer Seele ertönte ein froher Gesang, der ihnen freilich nur schwer aus der bebenden Brust kam. Da lockerte sich die Schar der Schwarzen langsam auf. Manch einer wiegte sich im Takt der Melodie. Der eine oder andere drehte sich sogar, erst langsam und dann immer schneller und so löste sich letztlich alles in einem großen Lachen und Springen auf.

Es sollte einige Zeit dauern, bis die Jungen verstanden, dass sie in der Not „den rechten Ton“ getroffen hatten. Damit war ihnen ein Kunstwerk gelungen, was viel mit ihrem Heimatdorf Seesbach zu tun hat. Damals wohnte noch in fast jedem Seesbacher Haus ein Musikant. Aus alter Fahrenszeit waren die dunkelhaarigen Dörfler mit den hellen Augen das Musikmachen gewohnt. Als Zeichen des Vertrauens lud sie Lukus, der Wolfsmann, sogar zu einem Abendmahl ein und Mara, das Mädchen, setzte sich zu ihnen. Eine Unterhaltung war kaum möglich. Und doch gelang es Mara und den anderen Waldleuten den beiden Jungen klarzumachen, was ihr unvermutetes Erscheinen in der Siedlung für sie bedeuten würde. Die Jungen begriffen mit Schrecken, dass die Schwarzen sie nie mehr gehen lassen würden. Der Grund war jedoch nicht Zuneigung oder gar eine neue Freundschaft, sondern der überlebensnotwendige Schutz vor Fremden. Niemand sollte jemals etwas über ihren Platz im Wald erfahren. Den Jungen blieb nichts anderes übrig als verängstigt zuzustimmen. Fortan wurden sie gut versorgt. Waldfrüchte gab es und etwas getrocknetes Wildfleisch, dazu das gute Quellwasser aus dem Soon, wie es die beiden Jungen schon kannten. Aber hier, unter diesen geisterhaften Fremden mischte sich der Trank mit ihren Tränen. Immer wieder aufs Neue wunderten sie sich über die seltsamen Gewohnheiten ihrer Gastgeber. So zogen diese manchmal tief in die Erde hinein, durch schwarze Gänge in Löcher, wo es warm war und noch manch andere seltsame Gesellen wohnten; kleine und große, sprechende und schweigsame. Ihnen war auch nicht entgangen, dass sich der riesige Sax mit seinem ungeheuren polierten Lärchenast weiterhin hinter ihnen aufhielt und sie nicht aus den Augen lies. Doch Trost spendete den Brüdern bei all dem die tiefe Schönheit ihrer neuen Gefährtin, Mara geheißen. Noch durch einen Schleier aus Tränen verzauberte das Mädchen beide und sie waren hin- und hergerissen zwischen Heimweh, Furcht und Verzückung. All das Neue erschöpfte Simon und Jacob. So waren sie froh, wenn sie sich abends, in ihr aus feinem Birkenstroh gesponnenes Nest, zur Ruhe niederlegen konnten. Ihr neues Nachtlager stand nicht auf dem Boden, wie bei guten Christenmenschen üblich, sondern hing an einem sanft schwankenden Zweig in schwindelnder Höhe an einer kräftigen Eiche. Sie staunten, wie gut sie dort schlafen konnten.

