Es ist fast fünfzig Jahre her, dass ich der Gräfenbacher Hütte zum ersten Mal nahegekommen bin. Mein Mann und ich, immer interessiert an speziellen Gasthäusern, war diese Adresse im Soonwald empfohlen worden. Unser Landhaus war damals das alte Pfarrhaus in Horn bei Simmern und wie selbstverständlich führten uns unsere Ausflüge an Mosel und Rhein, nie an die Nahe, die eigentlich „näher“ lag. Erst viel später sollte ich verstehen, warum das so war.

Damals nahmen wir den eigentlichen Ort gar nicht wahr. Wir kehrten ganz selbstverständlich um in Richtung Norden. Der Weg weiter gen Süden war einfach keine Richtung für uns Wahl-Hunsrücker. Und tatsächlich markiert diese historische Stätte eine Art Grenze, die über den ganzen Soonwald verläuft, von Nord-Ost bis Süd-West, mal über die Kuppen und Kämme, mal entlang der Bachtäler. Es gibt keine offizielle Trennlinie, aber eine unsichtbare Schwelle, die sich noch heute im kollektiven Gedächtnis der Einheimischen wiederfindet. Die Passage durch den Soonwald galt zurecht lange als unkalkulierbar und gefährlich. Der Wald war wild, es gab nur wenige schmale Wege, ein perfektes Revier nicht nur für Jäger. Nicht umsonst hieß der Passierschein des „Räuberhauptmann Schinderhannes“, spezialisiert auf Überfälle, „Hannes durch den Wald“. So mied man jahrhundertelang die Durchreise. Heute haben solche Bedenken völlig an Sinn verloren, aber sie wirken nach. Nördlich des Soonwaldes verstehen sich die Menschen ganz selbstverständlich als Hunsrücker, und sie sind stolz darauf. Auf der anderen Seite der Soonwaldrücken, bis tief in das Weinbaugebiet der Nahe, befinden wir uns ebenso geografisch im Hunsrück, aber die Bewohner der Südhänge würden sich selbst so kaum bezeichnen. Auch Heiraten „über den Berg“ und „durch den Wald“ waren selten. Kam es doch mal vor, so hieß es bei den Naheländern wenig charmant: „Er hat eine vom Hunsrück.“ Heute hat sich das glücklicherweise gewandelt und inzwischen klingt es eher wie ein Kompliment.
Es sollte noch über zehn Jahre dauern, bis ich tatsächlich einmal weiterfahren würde, durch diese Engstelle im weiten Tal des Gräfenbachs.
Das war 1991. Wenig später sollte ich in Waldfriede bei Seesbach am südlichen Soonwaldrand heimisch werden. Ich hatte auf meine Art die Schwelle überwunden. Und noch einmal, 22 Jahre später, 2013 wurde ich selber Anwohnerin der ehemaligen Denkmalzone.

Auch für weniger aufmerksame Autofahrer ist eine Fahrt durch die Siedlung „Gräfenbacher Hütte“ ein kurzer, aber deutlicher Stimmungswechsel auf der langen Fahrt durch den Soonwald. Unverhofft verengt sich die Straße und windet sich in kurzen Kurven durch einen engen Taleinschnitt. Der Wald rückt näher und die Bäume scheinen die Berührung über den Weg hinweg zu suchen. Übergangslos tauchen rechts und links Bruch- und Backsteingebäude auf. Ein alltägliches Ereignis, eine Autofahrt, verrutscht und wird zu einem Ereignis. Unvermittelt ist man mittendrin im Echoraum der Geschichte. Man versteht intuitiv: dies ist ein einzigartiger Ort. Die historischen Gebäude stehen bestimmend am Straßenrand und scheinen gleichzeitig dem Verfall preisgegeben. Das sind offensichtlich keine Bauernhäuser. Sie erinnern vielmehr an alte Fabrik- oder Lagerhallen. Dazwischen finden sich verfallene Mauerreste. Die Landstraße 239 ist an dieser Stelle eng und kurvig, es gibt keinen Bürgersteig und kommt einem ein LKW der nahen Steinbrüche entgegen, muss man riskant ausweichen oder stehen bleiben.
Die Anfänge im Wald
Die neuzeitlichen Ursprünge dieser Entwicklung lassen sich bis tief ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen. Damals stürzte dieser abgelegene Einschnitt zwischen den Bergrücken in ein neues Zeitalter. Im Verlauf des Bachtals entstanden fast zeitgleich zwei Hüttenbetriebe; zunächst eine Glas- und dann eine Eisenhütte. Beide brachten Dreck, Krach und Schwerstarbeit, aber auch Geld in das abgeschiedene Tal. Beide Produktionsstätten entwickelten von Anfang an einen schier unstillbaren Appetit auf Rohstoffe. Die gierigen Feuer verzehrten Unmengen an Holz, Holzkohle, Eisenerz und Quarzitgestein. Der Verkehr von Menschen und Material über den schmalen Waldweg am Bach entlang explodierte förmlich. Zuerst entstand die Glashütte auf einer weitläufigen Soonwaldwiese. Auslöser für ihren Bau waren 1670 umfangreiche Rodungsarbeiten. Der heimische Adel schätzte damals die Jagd auf die Tiere des Waldes und präsentierte damit gerne seine Macht im Land und gegenüber benachbarten Adelsfamilien. So legten auch die Herzöge von Simmern einen prestigeträchtigen „Thiergarten“ an. Dazu wurde beim Bau des „Wildtier-Zoos“ eine Fläche von gut 500 Morgen (heute etwa 125 Hektar) von Bäumen befreit, eingezäunt und mit Wild besetzt. Im Gatter waren die Tiere ohne Deckung und so auch für minder begabte Schützen leichte Beute. Die ungeheure Menge an gefälltem Holz, die dabei anfiel, und der Quarzit des Soonwaldkamms führten kurz darauf zu der Gründung einer Glashütte. Sie sollte eine kurze wechselvolle Geschichte erleben. Zunächst konnte der Holzhunger der Produktion noch aus dem umliegenden Wald gedeckt werden, doch verlangten nicht nur die Öfen, sondern die Pottasche-Herstellung ständig Nachschub von Brennstoff. Innerhalb der ersten 30 Jahren mussten daher weitere 525 Morgen Wald gerodet wurde. In der Nähe nahmen immer mehr Eisenhütten mit eigenen Rechten am Wald den Betrieb auf. So ging es nicht weiter. 1735, schon nach gut 60 Jahren, kam das Ende. Die Produktion des grünen Waldglases wurde eingestellt.

Die Glashütte mitsamt der Arbeitergebäude verfiel und diente zeitweilig als Unterschlupf für Wilddiebe und Räuber in ihrem Widerstand gegen den Adel und später gegen die französische Besatzung. Geblieben sind einige überwachsene Grundmauern und weite Waldwiesen von den gerodeten Flächen, die diesen Teil des Soonwaldes bis heute prägen. Eine Industriebrache verwandelte sich in einen seltenen Schatz an Artenvielfalt und ein faszinierendes Stück Natur.

Eine neue Eisenhütte in der Nachbarschaft
Nahezu parallel zur Glashütte nahm die Gräfenbaucher Hütte ihren Betrieb auf. So floss zu Beginn des 18. Jahrhunderts nicht nur flüssiges grünes Glas in die Tiegel, sondern auch glutrotes Erz aus dem Spundloch. Nachdem in der Nähe der Glashütte auch Eisenerze gefunden waren, erteilte 1712 der Kurfürst der Pfalz die Schürfrechte für die Erzlager und die Genehmigung zur Errichtung einer Eisenhütte, der „Gräfenbacher Hütte“. Die Erzlager der Gräfenbacher Hütte befanden sich in direkter Nähe, unter anderem bei Spabrücken nähe Argenthal. Das Erz wurde in vielen kleineren, oberflächennahen Gruben gewonnen und von dort mit Ochsenkarren direkt zum nahegelegenen Hochofen transportiert. Davon zeugen noch heute die stattlichen Remisen in der Denkmalschutzzone „Gräfenbacher Hütte“. Die ersten Hüttenbesitzer stammten aus der herausragenden Hunsrücker Unternehmerfamilie Stumm, von der ein Teil zu bedeutenden Orgelbauern und ein anderer zu Hüttenbesitzern wurde. Seit 1741 waren die Gebrüder Stumm Teilhaber der Gräfenbacher Hütte. 1785 übernahmen zwei Stumm-Brüder sie komplett. Die Geschenke der Natur, Wasserkraft, Holz und Eisenerze und technisches Knowhow brachte den Waldbauern knochenharte, gefährliche Arbeit und machte die ersten Hüttenbesitzer reich. Das Soonwälder Eisenerz hatte zwar einen relativ hohen Phosphorgehalt, was die Eisenprodukte „kaltbrüchig“ machte. Sie eigneten sich daher weniger zum Schmieden, aber ausgezeichnet für den Eisenguss. Das brachte vor allem Gewinne aus der Massenproduktion alltäglicher Gusswaren, die weithin verkauft werden konnten. Die guten Geschäfte weckten Begehrlichkeiten bei solchen, die sich gar nicht erst mit Schufterei abgeben wollten. So übten sich Schinderhannes und seine Bande im Einfordern von Wegezoll mit Hilfe von Pässen, gezeichnet „Johannes durch den Wald“ und verschickten Erpresserbriefen an die Hüttenbesitzer.

Gerichtsakten belegen, datiert im August 1800, Geldforderungen an Ferdinand Stumm, den Besitzer der Asbacher Hütte und im November 1800 an die Besitzer der „Gräfenbacher Hütte“ aus derselben Familie. Doch das sollte nicht lange gut gehen. Im November 1803 endete das Leben des Schinderhannes Leben und seiner Mittäter unter dem Fallbeil in Mainz.
Schwierige Ausgangslage
Von Anfang an machte die Gräfenbacher Hütte ihren Besitzern auch noch andere Probleme. Die Holzvorräte des Soonwaldes waren ausgebeutet, die Wälder verwüstet und es gab nur wenig Brennmaterial für die Meiler. Auch der Gräfenbach war alles andere als eine zuverlässige Quelle der Wasserkraft. Es wurden Bypässe und Rückhaltebecken gebaut, dennoch blieb der durchgehende Betrieb des Hochofens heikel und war meist nur vier bis sechs Monate im Jahr möglich. So war die Gräfenbacher Hütte letztlich nur von 1712 bis 1873 in Betrieb.

1835 verkauften die Gebrüder Stumm die Gräfenbacher Hütte an die Gebrüder Böcking, mit der sie schon durch Herat verbunden waren. Die Familie Böcking investierte in den ersten Jahren erhebliche Summen in den neuen Besitz. Anfang der 1840er Jahre bekam die Produktionsstätte ihr zum Teil heute noch erkennbares Gesicht. So entstanden, unter anderem geräumige Remisen, Scheunen, Arbeiterwohnungen, das mächtige Magazingebäude und ein weiterer großer freistehender Hochofen.
Zu dieser Zeit war die Familie Böcking mit Clara und Robert Schuhmann befreundet. Um 1860 herum arbeitete deren Tochter Elise Schuhmann als Gesellschafterin im Hause Böcking und verweilte auch in der Gräfenbacher Hütte. Ob ihre Mutter Clara Schuhmann sie dort besuchte ist nicht bekannt, aber wahrscheinlich.

Zunächst zahlte sich der Mut der Böckings aus. Bis Mitte der 1860iger Jahre erwirtschaftete die Hütte ihre größten Gewinne; doch es blieb eine Investition für nicht mehr als eine Generation. Die Schwierigkeiten mit der abgelegenen Lage, mit größer werdender Konkurrenz und dem Aufkommen der überlegenen Verfahren mit Koks steigerten sich rasch.
Obwohl die Verkokung bereits seit 1849 ihren industriellen Durchbruch erlebt hatte, hielten viele Hüttenbesitzer noch lange an der traditionellen Holzkohle fest – bis sie aufgeben mussten. In den 1870er-Jahren gab es schließlich auch in der Gräfenbacher Hütte noch einige vereinzelte Versuche mit Koks, aber der Transport aus dem Saarland war schwierig und teuer. Das alles erzwang im Jahr 1873 die endgültige Stilllegung der Hütte.
Heute nur schwer vorstellbar, aber das entwaldete Tal hallte wider vom ohrenbetäubenden Lärm der Erzschlacken, ihrem Zerkleinern, dem Transport mit Loren, dem Be- und Entladen und dem durchdringenden Geschrei der Lohnabhängigen, um sich irgendwie verständlich zu machen. Am Hochofen selbst dominieren extreme Temperaturen und die Arbeiter mussten direkt in der größten Hitze ausharren und in die gleißende Glut blicken. Dabei atmeten sie Kohlenmonoxid und Schwefelgase ein. Das führte zu schweren Vergiftungen, Augenleiden bis zur Erblindung, schweren Lungenleiden, Herzleiden, Schwerhörigkeit bis zur Taubheit, völlige Erschöpfung und dadurch zu zahlreichen Unfällen. Die Armenkassen der Nachbargemeinde, wie zum Beispiel Gemeinde Spabrücken, konnten die vielen Geschädigten und Hinterbliebenen kaum noch versorgen. Später führten diese Missstände zu mehr Verantwortung der Hüttenbesitzer für ihre Arbeiter, zu Krankenhäusern und Altenheimen und letztlich zu den ersten Sozialversicherungen führen.
Der Sündenfall: das fossile Zeitalter startet durch
Mit dem Abbau der Kohle und der Produktion von Koks im Saarland und in Nordrhein-Westfalen kam endgültig die Zeitenwende. Die fossilen Lagerstätten tief unter der Erde konnten erstmals abgebaut werden. Der Kapitalismus legte den Turbogang ein. 1873 musste der Hochofen der Gräfenbacher Hütte „ausgeblasen“ werden. So nennt man das vollständige Herunterfahren der Anlage. Ein wirtschaftlicher Betrieb war nicht mehr möglich. Zurückgeblieben sind die nach wie vor eindrucksvollen Reste der Anlage. Zu erkennen ist vor allem noch das damalige Zentrum der Produktion, der Hochofen aus dem Jahr 1841 und die in eindrucksvoller Bogenform gemauerten Reste der Gichtbrücke. Das freistehende Ensemble ist das letzte seiner Art in Südwestdeutschland. Aus heutiger Sicht betrachtet, ist die Gräfenbacher Hütte eine der Ausgangspunkte des deutschen Aufstiegs zu einer mächtigen Industrienation. In diesem Industriezentrum mitten im Soonwald wurde Technikgeschichte geschrieben.

Die Fabrikantenvilla der Unternehmerfamilie Böcking sollte ein paar Jahrzehnte später einem Kriegsherrn gefallen, der gerne seine Aufgaben als Deutschlands ranghöchster Militär mit den Annehmlichkeiten des Lebens verband; in diesem Falle mit der Jagd. Der Generalfeldmarschall und spätere Reichspräsident Paul von Hindenburg kommandierte im Ersten Weltkrieg die Oberste Heeresleitung von 1916 bis 1918 im Kurhaus von Kreuznach, heute Bad Kreuznach. Damen wurde in einem gewissen Abstand zu ihren Herren untergebracht. Und so mietete Paul von Hindenburg für Frau, Enkelin und den Dackel das verlassene Haus des Hüttenbesitzers. Um von seiner Kommandozentrale im Kurhaus in den abgelegenen Waldwinkel zu kommen, nutzte er seine beiden Mercedes-Staatskarossen.

Das brachte neue Aufmerksamkeit für das Gräfenbachtal, diesmal in „allerhöchster Mission“. Sogar eine Doppelgarage wurde im Auftrag der Regierung eigens gebaut. In Berlin bestand wohl Sorge um die teuren Automobile in der „berüchtigten“ Waldeinsamkeit.

Nur ein paar Jahre später richteten sich erneut andere Blicke auf das wieder stille Waldtal in neuem Grün; vergessen die Zeit des Höllenlärms mit Hämmern, Scheppern, Fauchen, Zischen und Schreien. Die Natureinsamkeit war zurückgekehrt. Das schätzten die Mitglieder des „Turnverein 1869 Kreuznach“, wie der „VfL 1848 Bad Kreuznach e.V.“, damals hieß. Sie entdeckten Anfang des 19. Jahrhunderts das Gräfenbachtal als idealen Ausflugsort vor der Haustür. Das war die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg als die Wandervogelbewegung ihre Blüte erlebte. Max Wenzel war Wanderwart im Turnverein und dürfte über seine Tochter, Ehefrau von Gustav Böcking, dem Hüttenbesitzer, ein gutes Wort für den Turnverein eingelegt haben. Der Hüttenbesitzer stellte einen Teil des ehemaligen Magazins den bewegungshungrigen Sportlern aus der nahen Stadt zur Verfügung. Anfang der 20er Jahre wurde das „Waldheim Max Wenzel“ gegründet. Das wurde begeistert aufgenommen, entsprach das doch genau dem Zeitgeist, weg von der Stadt, hinein in die Natur.

Max Wenzel wiederum hatte in die Familie Beinbrech eingeheiratet und war Geschäftsführer der Firma „Beinbrech, Holz- und Baustoffhandel“ Er ernannte seinen Schwiegersohn Gustav Böcking zu seinem Nachfolger, und der führte die Firma erfolgreich durch Krisen der 1930er-Jahre hindurch. Dessen Sohn, Heinz-Werner Böcking führte das Unternehmen bis zu seinem Tod 2022 als Senior-Chef. Jetzt ist die sechste Generation in der Geschäftsführung. So reicht der unternehmerische Geist und eine erfolgreiche Heiratspolitik der Gräfenbacher Hütte weiter bis in die Gegenwart unserer Heimat.

Die Jugend des Vereins, geboren Anfang des neuen Jahrhunderts, machte sich irgendwann als informelle Gruppe selbstständig. Böcking sympathisierte besonders auch mit dieser ideenreichen Nachwuchs-Gemeinschaft und stellte ihnen das älteste Haus am Platze, den Ursprung der Hütte, mit dem erkalteten ersten Hochofen zur Verfügung. Dieser eigene Platz im Wald beflügelte die Gruppe offenbar so sehr, dass sie sich über viele Jahrzehnte hier traf. Man diskutierte und feierte, aber vor allem: Man bewegte sich. Im Winter rodelten die jungen Leute, fuhren Ski und Schlittschuh; im Sommer wurde geturnt und getanzt. Die Bilder zeugen von Lebensfreude pur und einem ausgeprägten Sinn für Humor. Sie bekannten sich nicht ausdrücklich zu der „Wandervogel-Bewegung“, die den Beginn der sogenannten „Jugendbewegung“ darstellte, die im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts besonders die sportlichen jungen Leute ansprach. Die Gruppe in der Gräfenbacher Hütte schuf sich dagegen ihre ganz eigene Realität – jenseits von Schubladen- und Vereinsdenken. Es ging den Mitte Zwanzigjährigen nicht nur um Sport, sondern auch um Gemeinschaft, Unabhängigkeit, den Abschied von veralteten Konventionen und der Erneuerung in der Natur.
Die Bevölkerung der Umgebung begrüßte ihn jubelnd. Er sollte nicht mehr wiederkommen. Nur vier Jahre später starb er im Alter von 87 Jahren.

Nach dem tragischen Zusammenbruch der Ideale dieser Generation im zweiten Weltkrieg wurde es still um die Hütte. Es gab Besitzerwechsel, einige Häuser wurden als Ferienwohnung genutzt, und es gab nur wenig dauerhafte Bewohner. Seit den 1970er-Jahren machte sich die inzwischen als „Hindenburg-Haus“ überregional bekannte Adresse einen Namen als Ausflugslokal. Die Räumlichkeiten erlaubten eine Zeitreise mit Hilfe holzgerahmter Hindenburg-Fotografien und anderen Reichspräsident-Devotionalien. Die automobilen Gäste der Wohlstandsjahre schätzten die sonnenbeschienene Gartenterrasse. Sie brachten frischen Wind an die historische Stätte.

Doch auch dieser zarte Neustart hielt nicht lange vor. Das Restaurant wurde geschlossen. Doch auch dieser zarte Neustart hielt nicht lange vor. Das Restaurant wurde geschlossen. Nach der Jahrtausendwende und der Gründung des „Naturpark Soonwald-Nahe“, 2005, fuhr 2014 das erste Mal der Soonwaldbus der Initiative Soonwald e.V. mit Einheimischen auch durch die Gräfenbacher Hütte und machte auf das herausragende, aber vergessene Industriedenkmal aufmerksam. Typische Kommentare der Bus-Reisenden von damals waren: „Jetzt fahren wir schon so lange hier durch den Wald. Doch das haben wir alles nicht gewusst.“ Dann endlich, 2019, kommt es zu einer überfälligen Entscheidung. Der Verein „Hochofenfreunde Gräfenbacher Hütte e.V.“, wird gegründet. Er erwirbt das Gelände und kümmert sich seitdem mit Umsicht und Sorgfalt um die Bewahrung des gefährdeten Industriedenkmals …
